Workshop zum NSU-Komplex

Nachdem wir bereits im letzten Frühjahr das NSU-Tribunal im Kölner Schauspiel besucht hatten, stand am 19. März 2018 ein vertiefender Workshop zu diesem Thema an: Entstanden war der Kontakt zwischen dem TSK und der Initiative „Keupstraße ist überall“ auf der Gedenkfeier in Mölln. Nach einigen Gesprächen und Telefonaten entschlossen wir uns, gemeinsam arbeiten zu wollen.

Um kurz vor 10 Uhr trafen sich 19 Studierende aus den Semestern VM IVa und VM 3 vor dem türkischen Café „Sabahci“ auf der Kölner Keupstraße. Nachdem wir uns gemeinsam mit türkischem Tee aufgewärmt und mit Gebäck gestärkt hatten, begann der Workshop mit Kutlu Yurtseven, der nicht nur in der Initiative aktiv ist, sondern auch in der Kölner Band „Microphone Mafia“ singt.

Kutlu berichtete sehr ausführlich und eindringlich über den Nachmittag des 9. Juni 2004, an dem in der stark belebten Keupstraße vor dem Frisörsalon „Özcan“ eine Nagelbombe explodierte, gefüllt mit über 5 kg Sprengstoff und 800 Zimmermannsnägeln. Sie sollte ein Blutbad mit Toten und Verletzten in der hauptsächlich von Menschen aus der Türkei bewohnten Straße anrichten. Nur durch Zufall starb niemand, aber mehr als 22 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Kutlu, der als Anwohner der Straße den Tag des Anschlags hautnah miterlebt hatte, berichtete uns, dass für die Bewohner- und Besucherinnen der Keupstraße sofort klar war: Das war ein Terroranschlag mit rechtsradikalem Hintergrund.

 

Die Ermittlungen, so Yurtseven, hatten kaum begonnen, da stellten Polizei und Innenminister fest: es gibt keinen „ausländerfeindlichen Hintergrund“, die Täter sind unter den MigrantInnen zu suchen und damit wurden Nazis von vornherein ausgeschlossen. Das war und blieb in den Köpfen der Ermittler, als sie die Opfer zu Tätern machten. Wieder stellten wir, wie 1992 in Mölln, eine Täter-Opfer-Umkehr fest, die uns sehr störte. Über diesen Punkt haben wir lange diskutiert und nach Lösungsansätzen gesucht. Nach dem Tod von U. Böhnhardt und U. Mundlos im November 2011 wurde klar, dass dieser Anschlag von den Nazis des sog. Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begangen worden war: in diesem Zusammenhang diskutierten wir auch die Rolle der Medien, die die Mordserie des NSU herabwürdigend als „Dönermorde“ bezeichnete.

 

Je mehr Informationen wir an diesem Tag bekamen, desto mehr Fragen stellten sich uns: Zusammen mit Kutlu haben wir viel länger diskutiert als eigentlich geplant, da bei allen Beteiligten ein großes Interesse spürbar war. Beendet haben wir die Exkursion mit einer Führung über die Keupstraße, wo wir uns auch den Tatort von 2004 ansehen konnten.

Wir bedanken uns für einen lehrreichen Tag und werden sicher weiter mit der Initiative verbunden bleiben!


Vorherige Seite: März 2018: Besuch von Firas Alshater
Nächste Seite: Archiv