Besuch der Gedenkfeier in Mölln

Text: Berauer, Breyther   Fotos: Breyther

Erinnerungsreise nach Mölln im November 2017 

Nachdem Ibrahim Arslan im April 2017 über den Brandanschlag in Mölln berichtete, bei dem drei seiner Familienangehörigen den Tod fanden, war für einige Studierende des TSK schnell klar: wir möchten mehr tun, als nur einem Zeitzeugen zuzuhören – wir möchten als SoR-Schule unsere Solidarität bekunden und selbst aktiv werden!

Und so entstand die Idee, selber nach Mölln reisen und Familie Arslan vor Ort unterstützen zu wollen: ein ca. 12-köpfiges Projektteam der Semester VM 2a und 2b plante zusammen mit Frau Breyther fast 4 Monate lang die Fahrt nach Hamburg bzw. Mölln, entwickelte Ideen und diskutierte die konkreten Abläufe. Am Ende sollten dann ein 17-minütiger Film zum Thema „Alltagsrassismus“, ein Redebeitrag für Ibrahim Arslans Gedenkfeier vor dem Brandhaus und ein Blumenkranz als letzter Gruß an die Verstorbenen stehen. 

Am 22. November 2017 machten wir, eine 30 Personen starke Gruppe, uns morgens um 7 Uhr mit dem Bus auf in Richtung Hamburg, wo wir am frühen Nachmittag eintrafen und unsere Zimmer beziehen konnten. Einige Stunden später stand dann ein erstes Treffen mit Ibrahim auf dem Programm, was in entspannter und kleiner Runde im „Café Türkis“ stattfand. Es wurde viel gesprochen und viel gelacht und schnell wurde klar, dass zwischen dem Zeitzeugen und den Studierenden des TSK längst ein freundschaftliches Verhältnis entstanden ist!

Für alle deutlich schwieriger wurde dann der nächste Tag. An diesem Tag jährte sich der Brandanschlag in Mölln zum 25. Mal und wir machten uns um 13 Uhr zusammen mit Ibo auf den Weg in die Till Eulenspiegel-Stadt. Nicht nur der Grabschmuck, den wir im Kofferraum des Busses verstaut hatten, trübte sehr schnell die Stimmung: auch Ibrahims Husten, der seiner posttraumatischen Belastungsstörung zuzuschreiben ist, wurde wieder heftiger, je näher wir seiner ehemaligen Heimat kamen – für uns ein deutliches Zeichen seiner inneren Anspannung, die sich auf uns alle übertrug.

Vor Ort führte er uns zum Brandhaus in der Mühlenstraße 9 und zeigte uns genau das Fenster, aus dem seine Mutter seinen Bruder geworfen hatte, um ihn vor den Flammen zu retten - sofort wurden die Ereignisse für uns sehr präsent und greifbar.

Nachdem wir dann auch seinen Bruder bzw. Vater kennenlernen durften, begann die Gedenkfeier, die von Ibrahim und seinem Freundeskreis organisiert wurde: auch wir wollten unseren Beitrag dazu leisten und hielten unmittelbar vor dem Brandhaus, vor den Porträts der drei Verstorbenen, eine Rede. Die Studierenden Nikou Nikpoor (VM 2b) und Alice Hohenhaus (VM 2a) betonten in sehr emotionalen Worten, wie wichtig es sei, die Opfer in ihrer Betroffenheit ernstzunehmen und ihnen zuzuhören. Unsere Aufgabe als Teil der Gesellschaft sei es, dafür zu Sorgen, dass sich Geschichte nicht wiederhole!

Nach dieser sehr persönlichen und tränenreichen Gedenkfeier fuhren wir mit dem Bus weiter zum „Quellenhof“, wo wir uns das offizielle Gedenken des Bürgermeisters Jan Wiegels ansehen wollten. Uns fiel beim Betrachten des Programmverlaufs sofort auf, dass die ersten acht Redner allesamt offizielle Vertreter der Stadt oder der Politik waren – nicht aber die Angehörigen der Opferfamilien, was uns sehr störte! Auch der deutliche Vorwurf Wiegels in Richtung Ibrahim, er stelle die Stadt in einem falschen Licht dar, wirkte völlig fehl am Platze, da an diesem Abend eigentlich der Opfer gedacht und keine persönlichen Befindlichkeiten ausgetauscht werden sollten.

Im Anschluss an die Veranstaltung entscheiden sich viele Studierende sehr engagiert, ihrer Verärgerung Luft zu machen und den Bürgermeister in einem Gespräch mit ihren Eindrücken zu konfrontieren: seine Aussage, die Stadt Mölln sei schließlich auch von diesem Ereignis im Jahre 1992 betroffen, zeigte uns aber sehr deutlich, dass die Politik nicht versteht, um was es den Opfern geht, nämlich als Betroffene wahrgenommen zu werden, die das Gedenken an die eigene Familie selber in die Hand nehmen möchten!

Am nächsten Mittag folgte dann unser letztes Treffen mit Familie Arslan, das im Kino „Polittbüro“ in Hamburg stattfand: dort wollten wir unseren filmischen Beitrag präsentieren, der über viele Wochen von Leon Lichtenstein und Stefan Bauer (beide VM 2a) gedreht und geschnitten worden ist. In ihm kommen u.a. unsere Schulpaten Wolfram Kons und HC Markert zu Wort und richten persönliche Grußbotschaften an die Familie, um deutlich zu machen: auch in Neuss denken wir an euch! Euch gehört unsere Solidarität! 

 

Die drei Tage waren nicht nur sehr emotional und extrem berührend für uns, sie haben außerdem deutlich gemacht, wie wichtig es ist, den Opfern eine Stimme zu geben und den Angehörigen Solidarität zu bekunden. In diesen Tagen sind wir alle zu einer großen Familie zusammengewachsen, die sich sicher im nächsten Jahr wiedersehen wird, denn: Wir vergessen nicht!!!

 

Den Entwurf zur Rede unserer Studierenden in Mölln können Sie unter folgendem Link einsehen: Rede in Mölln.


Vorherige Seite: Juni 2017: Anne-Frank-Gedenktag
Nächste Seite: Archiv